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(13.4.2015)

Probiotika in der Allergiebehandlung

Seit das menschliche Mikrobiom und seine Rolle für die Gesundheit zunehmend in den Fokus der Wissenschaft rückt, gewinnt auch die Probiotikaforschung an Bedeutung. Die positiven Ergebnisse teils hochwertiger Studien skizzieren Probiotika als komplementäres Therapiekonzept atopischer Erkrankungen.

Ökosystem Mensch

Die meschliche Körperoberflächen sind mit einer Vielzahl von lebenden Organismen, dem Mikrobiom, besiedelt. Diese Lebewesen sind integraler Bestandteil des „Ökosystems Mensch“ und wir stehen in einer permanenten, bidirektionalen Interaktion mit diesen Mikroorganismen.

Die Prägung unseres individuellen Mikrobioms unterliegt verschiedenen Einflüssen, wobei die Geburt und die ersten Lebensmonate besonders wichtig sind: Geburtsmodus (transvaginal vs. Sectio), Geburtsreife (Frühgeburt), Ernährung (Stillen vs. Ersatznahrung), frühkindliche Antibiose oder Krankenhausaufenthalte beeinflussen die Mikrobiom-Entwicklung ebenso wie Umwelt- und genetische Faktoren oder Krankheiten / Stress der Mutter. Parallel zur Entwicklung unseres Immunsystems entwickelt sich innerhalb der ersten drei Lebensjahre ein komplexes und stabiles Mikrobiom.

Störungen des Mikrobioms werden Dysbiose genannt. Diese wird mit einer steigenden Liste von Erkrankungen in Zusammenhang gebracht: Über- oder Untergewicht (inklusive metabolischem Syndrom), chronische Darmerkrankungen (Reizdarmsyndrom), chronisch-inflammatorische Erkrankungen (M. Crohn, Colitis ulcerosa, MS, Diabetes mellitus), Autismus / Depression (Interaktion via „Darm-Hirn-Achse“) und viele mehr. Auch atopische Erkrankungen sind mit einer Dysbiose assoziiert.

Der therapeutische Einsatz von Probiotika lässt bei einigen Indikationen durchaus der „Schulmedizin“ zurechnen, denn es findet sich eine wachsende Anzahl von Meta-Analysen (Cochrane Reviews) mit positiven Bewertungen u.a. für die Prävention von Antibiotika- oder von Clostridium-difficile-assoziierten Diarrhöen, zur Behandlung von akuten oder persistierenden Diarrhöen und zur Prävention von oberen Atemwegserkrankungen im Kindesalter.

Probiotika und Synbiotika

Die WHO beschreibt Probiotika als „lebende Mikroorganismen, die bei Verabreichung in ausreichender Menge dem Wirtsorganismus einen gesundheitlichen Nutzen bringen“ [12]. Probiotische Mikroorganismen werden üblicherweise mit fermentierten Nahrungsmitteln aufgenommen. Zu den am häufigsten verwendeten Gattungen gehören Lactobacilli (L.) und Bifidobacterien (B.). Prebiotika sind unverdauliche Nahrungsbestandteile, die selektiv das vorteilhafte Wachstum und / oder die Aktivität von Probiotika stimulieren. Prebiotika sind in der Regel Oligosaccharide wie Fructo-Oligosaccharide, Inulin oder Galakto-Oligosaccharide. Synbiotika stellen eine Kombination aus Probiotika und Prebiotika dar.

Zu beachten ist, dass viele der gewünschten Effekte (z.B. immunmodulierende Wirkungen wie Th2-Suppression, Induktion von Th1- oder Treg-Zellen, aber auch Stimulation von Toll-Like-Rezeptoren) nicht nur stamm-, sondern sogar gattungsspezifisch sind [14]. Um Synergieeffekte zu nutzen, ist es sinnvoll verschiedene Probiotika zu kombinieren. Bei solchen Produkten ist die genaue Komposition zu beachten

Biodiversität und Atopie

Seit Langem schon wird die drastisch steigende Prävalenz atopischer Erkrankungen in den Industrieländern mit einer verminderten Exposition gegenüber Mikroorganismen in Verbindung gebracht. Bereits 1989 formulierte Strachan die „Hygienehypothese“. Diese wurde zur „Biodiversitätshypothese“ erweitert und unlängst als Übersichtsarbeit im World Allergy Organisation Journal von führenden Allergologen zusammengefasst: Moderne Lebensgewohnheiten und Urbanisierungsprozesse führten über die letzten Dekaden zu einer Reduktion der Biodiversität. In einer inversen Relation ist diese mit einem Anstieg verschiedener „Zivilisationserkrankungen“ wie allergische Rhinitis, allergisches Asthma aber auch anderen chronisch inflammatorischen oder malignen Erkrankungen assoziiert.

Das Mikrobiom atopischer Kinder unterscheidet sich von Gesunden.Eine frühkindliche Antibiose wurde als Risikofaktor für eine erhöhte Atopie-Wahrscheinlichkeit identifiziert. Achtjährige Kinder atopischer Eltern, die per Sectio geboren wurden, leiden signifikant häufiger unter allergischem Asthma bronchiale als Gleichaltrige, die auf natürlichem Weg geboren wurden. Diese und viele andere Befunde belegen eindrucksvoll den inzwischen allgemein akzeptierten Zusammenhang zwischen Dysbiose und Atopie.

Entsprechend wird der Einsatz von Probiotika in der Primär- und Tertiärprävention (Behandlung) atopischer Erkrankungen von der World Allergy Organisation empfohlen. Die unlängst aktualisierte deutsche S3-Leitlinie „Allergieprävention — Update 2014“ zitiert die signifikante Reduktion des Ekzemrisikos beim präventiven Einsatz von Probiotika. Auch diese Leitlinie betont die Tatsache, dass dieser Effekt abhängig vom eingesetzten Probiotikum ist. Insbesondere L. rhamnosus erscheint geeignet, atopisches Ekzem positiv zu beeinflussen.

Rasant steigende Prävalenzen atopischer Erkrankungen betonen die Untersuchung präventiver Strategien. In der täglichen Praxis steht jedoch die Tertiärprävention, also die Therapie, im Mittelpunkt der ärztlichen Tätigkeit. Im Folgenden wird auf den gesundheitsfördernden Einsatz von Probiotika bei der Behandlung atopischer Erkrankungen eingegangen.

Behandlung allergischer Erkrankungen mit Probiotika

Die Studienlage zur Therapie atopischer Erkrankungen ist weniger weit entwickelt als bei der Primärprävention. Es existiert jedoch eine steigende Zahl von „proof-of-concept“-Studien, welche in hochwertigen Studiendesigns — randomisiert, doppelblind placebokontrolliert mit akzeptierten klinischen Endpunkten — eine Anwendung von Probiotika bei atopischen Erkrankungen am Menschen untersuchen:

Allergische Rhinitis

  • Wassenberg et al. haben 2011 im Rahmen einer dbpc Cross-Over-Studie den Einfluss von L. paracasei auf den nasalen Provokationstest bei Patienten mit Grasspollenallergie (n = 31) untersucht. Die Patienten zeigten nach der kurzfristigen Gabe von L. paracasei im nasalen Provokationstest eine signifikant niedrigere subjektive nasale Obstruktion im Vergleich zu Placebo.

  • Ouwehand et al. führten 2009 eine dbpc Studie mit 47 Kindern über einen Zeitraum von vier Monaten durch. Die Kombination von L. acidophilus und B. lactis reduzierte die polleninduzierte, nasale Eosinophilie und die nasalen Symptome.

  • Der Einfluss von B. lactis. auf den nasalen Gesamtsymptomscore wurde im Rahmen einer dbpc Studie an 20 Patienten, die an einer durch Graspollen verursachten allergischen Rhinitis litten, über einen Zeitraum von acht Wochen während der Pollensaison untersucht. In der Probiotikagruppe lag der nasale Gesamtsymptomscore signifikant niedriger als in der Placebogruppe.

  • Wang et al. untersuchten im Rahmen einer dbpc Studie mit 80 Hausstaubmilben (HSM)-Allergikern, ob die Einnahme von L. paracasei über einen Zeitraum von 30 Tagen einen Einfluss auf die Lebensqualität der Patienten hat. Bei den Patienten in der Verum-Gruppe kam es durch die Einnahme des Probiotikums zu einer signifikanten Steigerung der krankheitsbezogenen Lebensqualität.

  • Im Rahmen der dbpc Studie von Ishida et al. (2005) wurde der Einfluss der Einnahme von L. acidophilus auf die Symptomatik und den Medikamentenbedarf bei Patienten mit perennialer allergischer Rhinitis untersucht (HSM-Allergiker, n = 49). Durch die Verabreichung von L. acidophilus kam es zu einer signifikanten Abnahme der Medikation gegen nasale Symptome,

  • Durch die 12-wöchige Behandlung mit L. salivarius konnte im Rahmen einer dbpc Studie von Lin et al., die mit 240 Kindern mit HSM-Allergie durchgeführt wurde, eine signifikante Abnahme der Symptomatik der allergischen Rhinitis und eine signifikante Abnahme des Medikamenten-Scores dokumentiert werden.

  • Eine dbpc Studie an 425 Heuschnupfenpatienten im Rahmen des GA2LEN Projekts fand eine signifikant verbesserte Lebensqualität und verbesserte okuläre Symptomatik bei komplementärer Behandlung mit L. paracasei über fünf Wochen.

Atopische Dermatitis

  • Yesilova et al. untersuchten 2012 in einer dbpc Studie den Einfluss einer Mischung probiotischer Bakterienstämme (B. bifidum, L. acidophilus, L. casei und L. salivarius) auf den SCORAD-Score (SCORing Atopic Dermatitis) bei Kindern mit atopischer Dermatitis (AD). Die Einnahme des Probiotikums führte in der Verumgruppe zu einer signifikanten Verbesserung des SCORAD im Vergleich zu Studienbeginn.

  • Gerasimov et al. untersuchten 2010 im Rahmen einer dbpc Studie den Einfluss von L. acidophilus und B. lactis (mit Fructo-Oligosacchariden) auf den SCORAD. Die Ergebnisse zeigten eine Verbesserung durch das Synbiotikum (33,7% vs. 19,4% in der Placebogruppe).

  • Sistek et al. untersuchten den Einfluss von L. rhamnosus und B. lactis auf den SCORAD bei Kindern mit AD. Eine Subgruppenanalyse ergab, dass Kinder, bei denen eine Sensibilisierung gegen Nahrungsmittel festgestellt wurde, von der Einnahme des Probiotikums profitierten.

  • Woo et al. wiesen signifikante Effekte in der Reduktion des SCORAD bei 2 bis 10-jährigen Kindern mit AD bei dbpc, 12-wöchigem Einsatz von L. sakei nach.

  • Eine australische Arbeitsgruppe konnte bei dbpc Einsatz von L. fermentum ebenfalls eine signifikante Besserung des SCORAD nachweisen.

  • In einer aktuellen Meta-Analyse solcher dbpc Studien wurden Probiotika als Therapieoption bei der AD bei Kindern und Erwachsenen bestätigt.

Nahrungsmittelallergien

Auch für den therapeutischen Einsatz von Probiotika bei Nahrungsmittelallergien gibt es erste erfolgversprechende Konzepte. Neben den gewünschten immunmodulierenden Mechanismen (Th2-Supression, IL-10-Induktion) verbessern manche Probiotika die intestinale Barriere-Funktion oder verfügen über spezifische Enzymaktivitäten wie die beta-Galaktosidase-Aktivität (Laktosespaltung), was sie für den Einsatz in diesem Bereich prädisponiert. Diese positiven Proof-of-Concept Studien skizzieren Probiotika als komplementäres Therapiekonzept atopischer Erkrankungen. Ausgedehntere Studien sind erforderlich

Fazit

Der gesundheitsfördernde Einsatz von Probiotika ist tradiertes menschliches Wissen. Spätestens seit Initiierung des „Human Microbiome Projects“ erfahren wir einen enormen Wissenszuwachs über die komplexen Interaktionen zwischen unserem Mikrobiom und uns selbst. Viele der Effekte von Probiotika sind gattungsabhängig, was zu den teils heterogenen Studienergebnissen beiträgt. Ein gestörtes Mikrobiom, d. h. eine Dysbiose, ist mit verschiedensten Erkrankungen assoziiert. Der therapeutische Einsatz von Probiotika ist in vielen Indikationen bereits durch Meta-Analysen abgesichert.

Auch atopische Erkrankungen sind mit einem gestörten Mikrobiom verbunden. Aktuelle Übersichtsarbeiten beschreiben positive Effekte vor allem für die Prävention des atopischen Ekzems. Für die Behandlung der allergische Rhinitis oder des atopischen Ekzems gibt es eine steigende Anzahl von positiven Proof-of-Concept-Studien, die in hochwertigen Studiendesigns durchgeführt wurden und Probiotika als komplementäres Therapieregime allergischer Erkrankungen skizzieren.

Literatur

Kramer: Probiotika in der Allergiebehandlung. HNO-Nachrichten 1/2015 -- http://www.springermedizin.de/probiotika-in-der-allergiebehandlung/5571978.html

Wopereis et al: The first thousand days - intestinal microbiology of early life: establishing a symbiosis. Pediatr Allergy Immunol 25, 428-438 (2014)

Grenham et al: Brain-gut-microbe communication in health and disease. Front Physiol 2, 94 (2011)

Haahtela et al: The biodiversity hypothesis and allergic disease: world allergy organization position statement. World Allergy Organ J  6, 3 (2013) --
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3646540/

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