Kontaktdermatitis
Die allergische Kontaktdermatitis ist eine Typ IV-Reaktion nach Coombs und Gell. Nach Sensibilisierung auf einen (in der Regel) niedermolekularen Stoff entsteht nach Allergenkontakt eine juckende Dermatitis mit der typischen Ekzemmorphe. Im chronischen Stadium sind plaqueartige Infiltration, Schuppung, Rhagaden und Ausbreitung über das ursprüngliche Kontaktareal hinaus charakteristisch. Die allein klinisch davon oft nicht zu unterscheidende irritative Kontaktdermatitis ist das Resultat von starken Irritanzien (akute toxische KD) oder die Summationswirkung von mehreren Faktoren (kumulativ-subtoxische Dermatitis). Als wesentlicher Dispositionsfaktor für die irritative KD ist die Atopie anzusehen.
Die Prävalenz der allergischen KD in der Allgemeinbevölkerung liegt zwischen 1,5 und 3 %, die 1-Jahres-Prävalenz der (nicht weiter differenzierten) manifesten Ekzeme bei etwa 10 %. Die Inzidenz der KD, das Neuauftreten in der bisher nicht betroffenen Bevölkerung liegt zwischen 5 und 10 Fällen pro 1.000 Personen pro Jahr. Über 20.000 Fälle mit Verdacht auf eine beruflich gedingte Hauterkrankung werden jährlich neu gemeldet, über 90 % davon sind Kontaktdermatitiden.
Die in den verschiedenen Untersuchungen ermittelten Sensibilisierungshäufigkeiten gegen die meisten Allergenen sind abhängig vom Alter und dem Geschlecht. In der Allgemeinbevölkerung beträgt die Nickelsensibilisierung etwa 7 %, bei jungen Frauen jedoch nahezu 20 %.
Erhebliche Unterschiede in der Ekzemausprägung und in der Ekzemprävalenz zeigen sich in den unterschiedlichen Berufen. Dabei sind die Friseure, die Metallarbeiter, die Heil- und Pflegeberufe, die in der Nahrungsmittelverarbeitung Tätigen sowie die Bauberufe sind am häufigsten betroffen. In dem am stärksten betroffenen Beruf (Friseure) zeigt sich eine Inzidenz von 580 Fällen pro 10.000 pro 3 Jahre.
Die irritative KD ist insgesamt sicher häufiger als die allergische KD, wird aber in statistischen Erhebungen unterbewertet. In vielen Berufssparten (z.B. Fischern, Maurern, Landarbeitern) wird eine leichte IKD als normal hingenommen und ärztliche Hilfe nicht aufgesucht. Die atopische Hautdiathese stellt einen bedeutsamen Risikofaktor für diesen Ekzemtyp dar. Zudem sind hellhäutige, sonnenempfindliche Probanden (Hauttyp I) gefährdeter auf eine Reihe von chemisch verschiedenen Irritanzien stärker zu reagieren, als Personen mit Hauttyp III oder IV.
Pathogenese
Die meisten Kontaktallergene stellen Haptene dar. Haptene sind kleine Moleküle häufig kleiner als 1 kDa, oder Jonen, die zu klein sind, um allein als vollständige Allergene zu wirken. In der Regel liegt das Molekulargewicht der wichtigsten und verbreitetsten Kontaktallergene innerhalb eines engen Bereiches zwischen 150-350 D und ist damit wesentlich geringer als das der Typ I-Soforttypallergene (5-70 KD). Nach Hautpenetration binden Haptene an Proteine der Epidermis oder an zellmembranassoziierte Moleküle. Das entstehende Produkt wird als ”Hapten-carrier-Komplex” bezeichnet.
Sensibilisierungsphase
Nach Eindringen in die Epidermis und möglicher Bildung eines Hapten-carrier-Komplexes erfolgt die Aufnahme in antigenpräsentierende Zellen der Haut, den Langerhans-Zellen, die dendritischen Vorläuferzellen des Knochenmarks entstammen. Diese verlassen die Haut und wandern in den peripheren Lymphknoten. In der parakorikalen Zone des Lymphknotens interagieren die Hapten-beladenen Langerhans-Zellen mit nativen T-Lymphozyten, die noch keinen vorherigen Kontakt mit spezifischem Antigen hatten und einen T-Zellrezeptor besitzen. Der aktivierte T-Lymphozyt proliferiert und entwickelt sich in Hapten-spezifische T-Lymphozyten (Effektor- und Memoryzellen) und gelangt anschließend in die Zirkulation. Die volle Entwicklung der Memoryzellen dauert etwa 7-14 Tage.
Allergenreexposition
Bei wiederholtem Hautkontakt mit dem Allergen und bereits sensibilisierten Individuen bindet dieses an antigenpräsentierende Zellen (APZ) der Haut und Keratinozyten. Diese produzieren verschiedene Zytokine und Chemokine, die Lymphozyten anlocken und aktivieren. Endothelzellen exprimieren Oberflächenmarker die eine Extravasation erleichtern. Treffen Memory-T-Zellen auf passendes Allergen wird eine starke inflammatorische Reaktion initiiert, mit konsekutivem Einstrom verschiedener Zellpopulationen, die sich klinisch als allergisches Kontaktekzem manifestiert. Durch Produktion antiinflammatorischer Mediatoren und Allergeneliminierung klingt die Reaktion nach wenigen Tagen ab.
Die allergene Potenz einer Substanz lässt sich bisher nur unzureichend aus der chemischen Struktur ableiten. Neben der Hautpenetrationsfähigkeit des Allergens sind andere Faktoren wichtig, die die Penetration erleichtern, z.B. ein bereits existierendes irritatives Kontaktekzem oder Anwesenheit von Irritanzien. Des weiteren spielen die Reaktivität mit Hautproteinen sowie Expositionshäufigkeit und Lokalisation des Allergenkontaktes eine wichtige Rolle. Für eine erfolgreiche Sensibilisierung ist eine ausreichende Allergenkonzentration im Hautareal notwendig, unterhalb eines bestimmten Schwellenwertes ist eine Sensibilisierung unwahrscheinlich.
Berufsbedingte Kontaktdermatitis
Berufsbedingte Hauterkrankungen gehören mit zu den häufigsten Berufskrankheiten in industrialisierten Länden. Häufiger und verlängerter Einsatz von Hautirritanzien wie Wasser, Seifen und Okklusion durch das Tragen von Handschuhen sind dabei die Hauptfaktoren bei der Entwicklung einer berufsbedingen Hauterkrankung, insbesondere einer irritativen Kontaktdermatitis. Reduzierte Exposition von Hautirritanzien spielt daher eine wichtige Rolle, um einer berufsbedingten Hauterkrankung vorzubeugen (siehe auch unter “Hautschutz”).
| Berufe mit hohem Risiko für eine allergische oder irritative Kontaktdermatitis |
| Berufe | Vorkommen | wichtige sensibilisierende Stoffe (Kontaktallergene) | irritative Faktoren |
| Bäcker, Konditoren | Teige Aromen u. Gewürze Konservierungsmittel, Antioxidanzien Reinigungsmittel | Weizen-, Roggen-, Sojamehl, zugesetzte (Pilz-)Amylase Vanille, Bittermandel, Anis, Orangenschalenextrakt, Zimt u.a. Benzoesäure, Sorbinsäure, Parabene, Gallate Desinfektionsmittel, Konservierungsstoffe | Nassarbeit, Seifen u. Detergenzien, Fruchtsäfte, Enzyme, Gewürze |
| Bauberufe | Zement, Frischbeton Kunststoffe | Chromate, Kobaltverbindungen unausgehärtete Epoxidharze u. Härter, Isocyanate | Zement, Kalk, verschiedene Säuren, Holzschutzmittel |
| Fotolaboranten | Entwickler
Fotochemikalien Gummihand-schuhe | p-substituierte aromatische Amine (CD 2,3,4) Phenidon, Hydrochinon Chromate, Formaldehyd Akzeleratoren, Naturlatex | Nassarbeit, Löse-mittel |
| Friseure | Dauerwellmittel Haarfarben
Blondiermittel Haarwaschmittel
Gummihand-schuhe | Ester u. Salze der Thioglykolsäure, Fixiermittel p-Phenylendiamin, p-Toluylendiamin u.a. Färbemittel, Resorcin Persulfate Konservierungsstoffe, Duftstoffe, Pflanzenextrakte, Emulgatoren Akzeleratoren, Naturlatex | Nassarbeit, Okklusion durch zunehmendes Tragen von Handschuhen, Shampoos, Dauerwelleflüssigkeiten u. Bleichmittel |
| Galvaniseure | galvanische Bäder Gummihand-schuhe | Nickel-, Chrom-, Kobaltverbindungen Akzeleratoren, Naturlatex | |
| Gärtner u. Floristen | Zierpflanzen Pflanzenschutzmittel | Primeln, Chrysanthemen u.a. Asteraceae, Tulpenzwiebeln Carbamate, Thiurame, Pyrethrum u.a. | irritierende Pflanzen u. abrasiv wirkende Pflanzenteile, Pestizide u. Kunstdünger |
| Gummihersteller u. -verarbeiter | Gummi-chemikalien | Naturlatex, Thiurame, Thiocarbamate, Mercaptobenzothiazole, p-substituierte Amine (IPPD), Kolophonium | |
| Heil- und Pflegeberufe | Desinfektionsmittel Medikamente
Gummihand-schuhe u.a. Gummiartikel | Formaldehyd, Glutaraldehyd, Quecksilberverbindungen, Chlorkresol u.a. Antibiotika, Lokalanästhetika, Phenothiazine (Photoallergene), ätherische Öle Akzeleratoren, Naturlatex | Okklusion durch Tragen von Handschuhen, Nassarbeit, Desinfektionsmittel |
| holzbearbeitende Berufe | Hölzer Klebstoffe Beizen Holzschutzmittel | Palisander, Teak, Ebenholz, Cocobolo u.a. Formaldehydharze, Kolophonium, Epoxidharze, Acrylate Chromverbindungen, Azofarbstoffe u.a. Insektizide, Fungizide | Hölzer |
| Köche, Küchenhilfe | Lebensmittel
Reinigungsmittel Gummihand-schuhe | Mehl, Enzyme, Fleisch, Fische, Krustentiere, Gemüse, Gewürze, Konservierungsstoffe, Farbstoffe Desinfektionsmittel, Konservierungsstoffe Akzeleratoren, Naturlatex | Seifen u. Detergenzien, Nassarbeit, Fruchtsäfte, Gemüsesäfte, Fisch, Fleisch, Schalentiere |
| kunststoff-herstellende Industrie | unausgehärtete Kunstharze | Epoxidharze u. Härter, Acrylate, Kobaltbeschleuniger, Peroxide, Melamin-, Phenol-Formaldehydharze, Isocyanate, Phthalte | Lösemittel, Säuren, Oxidanzien, Diisocyanate, Acrylmonomere, Phenole, Formaldehyde, Diallyl-phthalate, Bestand-teile von Epoxidsystemen, Styrene/Styrol |
| landwirtschaftliche Berufe | Futtermittelstäube
Tierhaare, -speichel, -urin Pflanzenbestandteile Gummiartikel Desinfektionsmittel Melkfett Pflanzenschutzmittel | Getreide Medikamente u.a. Futtermittelzusätze (Olaquindox, Phenothiazine, Antibiotika) tierische Proteine Akzeleratoren Formaldehyd, Chloramin u.a. Osmaron B, Lanolin | Desinfizienzien u. Reinigungsmittel, Pestizide, Kunstdünger, Pflanzen, tierische Sekrete |
| Leder-, Fellverarbeitung | Gerbstoffe Kleber Imprägniermittel Färbemittel | Chromat Kolophonium, p-tert.-Butyl-phenolformaldehydharz Kunstharze Azofarben u.a. | |
| Löter, Elektroniker | Lötmittel Metallkleber Metalle | Kolophonium Epoxidharze, Acrylate, Härter Nickel, Kobalt u.a. | |
| Maler u. Lackierer | Farben Zement Klebstoffe | Kunstharze, Terpentinöl u. -Ersatzstoffe, Farbpigmente Chrom- u. Kobaltverbindungen Formaldehydharze, Kolophonium, Epoxidharze, Acrylate, Isocyanate | Lösemittel, Farbentferner, organische Zinnverbindungen, starke Handreinigungsmittel |
| Metallarbeiter | Kühlschmierstoffe (insbesondere wassergemischte) Metalle Metallkleber | Konservierungsstoffe, Emulgatoren, Korrosionsschutzmittel, Ethanolamine, Tallöl Nickel, Kobalt u.a. Epoxidharze, Acrylate, Härter | Nassarbeit, Kühlschmiermittel, Handreinigungsmittel, Lösemittel |
| Reinigungsdienste | Reinigungsmittel Desinfektionsmittel Fußbodenpflegemittel Gummihand-schuhe | Konservierungsmittel Formaldehyd, Glutaraldehyd Wachse, Terpentinöl u. -ersatzstoffe Akzeleratoren, Naturlatex | Nassarbeit, Detergenzien, Lösemittel |
| Textilhersteller u. -verarbeiter | Textilfarben, Beizen Appreturen, Spezialausrüstungen Gummifäden Kleidungszubehör | Dispersionsfarbstoffe, Chromate Formaldehydharze, Acrylate, Polyurethane Akzeleratoren, Naturlatex Nickel, Kobalt | |
| Zahntechniker | Dentalchemikalien | unausgehärtete Acrylate und Mischharze, Nickel, Kobalt, Palladium, Amalgam | Nassarbeit, mechanische Reibung, Mikrotraumen durch scharfe Objekte, Reizung durch Acrylatmonomere |
Literatur: 236, 237
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